CIS-Convention 2011 - Offen für eine neue Zukunft

Graz, 10. Februar 2011 - Die Creative Industries Styria (CIS) beleuchtet in ihrer Convention 2011 das Konzept Open Design, das die bisherige Vorstellung von Design und Produkt auf den Kopf stellt. Was in der IT als Open Source schon erfolgreich läuft, könnte ein neues Modell für die Designszene und die gesamte Produktherstellung werden: Designentwürfe - in der IT ist es Software - werden ins Internet gestellt, um sie anderen zugänglich zu machen. Die können damit (fast) machen, was sie wollen.
„Open Design zählt zu den interessantesten Entwicklungen in der Kreativwirtschaft, ist ein wichtiger Impulsgeber für Wirtschaft und Gesellschaft und ermöglicht eine Weiterentwicklung von traditionellen Betrieben und Wirtschaftszweigen. Nutznießer sind langfristig auch die traditionelle Wirtschaft und Unternehmen", sagt Dr. Christian Buchmann, Landesrat für Wirtschaft, Europa und Kultur. Die Creative Industries Styria (CIS) als Impulsgeber und Schnittstelle zwischen Design und der Wirtschaft werde einen maßgeblichen Anteil leisten, dieses Modell weiterzudenken.
Das Web 2.0 zeige bereits, wie gemeinschaftliches Arbeiten und Leben funktionieren könne, betont CIS-Geschäftsführer Mag. Eberhard Schrempf: „Bei Open Design erfolgt ein Austausch der Beteiligten auf Augenhöhe und die klassischen Grenzen zwischen Produkt, Kunden und Produktion verschwinden. Die neue Rolle des Designers reicht von der strategischen Produktgestaltung über den Gestaltungsprozess bis hin zur Produkt- und Kundenkommunikation."
Vorbild "Open Source"
Ronen Kadushin hat dieses Konzept geboren, nachdem ein großer Auftraggeber kurzfristig einen Vertrag hat platzen lassen. Sein Fazit: „In unserer marktorientierten Kultur gehen Designer den Herstellern gegenüber Verpflichtungen ein, bei denen letzte entscheiden, welche Produkte auf welche Art und Weise dem Konsumenten letztlich angeboten werden. Diese Haltung pflanzt sich schon in der Ausbildung ein. Dabei werden jedoch frische Ansätze und radikale Ansichten ins Abseits gedrängt." Kadushin ist überzeugt, dass sich mit Open Design hier einiges ändern würde. Dass es funktioniere, zeige die IT mit dem vom Prinzip her ähnlichen Modell Open Source.
Wenn man diese Methode diskutiere, müsse auch die rechtliche Basis mitgedacht werden, meint Gerin Trautenberger, Produkt- und Möbeldesigner, Geschäftsführer von Microgiants Design und stellvertretender Vorsitzender der creativwirtschaft austria, im konkreten Fall das Urheberrecht. „Das steht einer freien, flexiblen und unkomplizierten Kommunikation im Wege und hält abgesehen davon mit der gesellschaftlich-technischen Entwicklung nicht mehr Schritt." Eine Möglichkeit würden hier Creative Commons-Lizenzen bieten, ein Prinzip, das 2001 in den USA entwickelt wurde, „und das es dem Schöpfer eines Werkes ermöglicht, in abgestufter Form verschiedene Lizenzmöglichkeiten seines Werkes vorab zu definieren", erklärt Trautenberger.
Open Design - eine Erklärung:
Open Design ist ein Entwurf, ein Vorschlag. Analog zu den Methoden der Open-Source-Software könnte das bedeuten: Gebt Einblick in Baupläne und Konstruktionsprinzipien,
damit eine neue, kollaborative Entwurfskultur entstehen kann. Darüber hinaus bedeutet Open Source auch, die Schranke zwischen Konsumenten und Produzenten abzubauen.
Was Open-Source-Programmierer motiviert, ist, dass sie die gemeinsam geschaffenen Programme auch selbst benutzen. So wird aus dem Produkt „Software" ein Prozess, an dem sich viele beteiligen - die Programmierer, aber auch Tester, Verfasser von Fehlerberichten und Handbüchern, kurz: die ganze lebendige Community. Open Design könnte in Anlehnung daran bedeuten, sich vom Gedanken des Produkts als einer fertigen, abgeschlossenen Sache zu lösen und Design als einen Prozess mit offenem Ausgang zu sehen. So soll auch eine Sammlung von hochwertigen Produkten geschaffen werden.
Die Kreativwirtschaft gilt als Vorreiter, wenn es um technologische Innovationen geht, und ist Wegbereiter für einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel. Dieser ist mit Internet bereits in die Wege geleitet. Durch den einfachen Zugang zu CNC-Maschinen und der Möglichkeit, Gegenstände mit geringerem Aufwand selbst herstellen zu können, werden sich Produktentwicklung, -herstellung und -vertrieb mittel- bis langfristig grundlegend ändern. Mit Open Design haben Design und Produktion nicht nur eine Auswirkung auf die Eigenschaften des Produkts, sondern auch auf dessen Modifizierungsmöglichkeiten und potenziellen Umwandlung in andere Produkte.
Ronen Kadushin - zur Person:
Ronen Kadushin, 1964 in Haifa geboren und 2005 nach Berlin übersiedelt, arbeitet dort als Designer und lehrt an der Universität der Künste. Er entwickelte die Open-Design-Methode, nach der das Design seiner Produkte downgeloadet, kopiert, modifiziert und produziert werden darf. Auf der Grundlage dieses Konzepts gründete er seine Firma Open Design, ein Design-Unternehmen und Hersteller von Möbeln, Beleuchtungskörpern und Accessoires, die in Berlin produziert und in Europa und in den USA verkauft werden. Darüber hinaus designt Ronen Kadushin Möbel für internationale Hersteller. Mit seiner Firma Open Design will er zeigen, wie offenes Design und der klassische Herstellungsprozess nebeneinander funktionieren können.
Frei statt kopiergeschützt: Nach der Meinung Kadushins haben Produkte in der realen Welt ihre Signifikanz verloren. Die Zukunft liegt nicht in der Warenwelt, sondern im Netz.
Kadushin, der zehn Jahre als Industriedesigner gearbeitet hat, lebt und arbeitet nach seinem Leitspruch: Reinvent yourself. Zuletzt hat er dies nach eigenen Aussagen getan, als in seiner Heimat Israel alles liegen und stehen ließ, um in Berlin einen Neuanfang zu machen.
Bekannt geworden ist Kadushin mit seinem iPhone-Killer, einem Statement zur Konsumkultur und der Anbetung neuer Technologieprodukte. Mehr über seine Arbeit und insbesondere das Open-Design-Projekt unter www.ronen-kadushin.com.
Gerin Trautenberger - zur Person:
Gerin Trautenberger ist Produkt- und Möbeldesigner und arbeitet seit 1992 als Designer, Auto und Kurator für Netz-Kulturprojekte. 2005 gründete er das Designkollektiv Microgiants und ist stellvertretender Vorsitzender der creativwirtschaft austria.